Artikel art Mai 1990

KAOS-Galerie: Provokation statt Profit

Aus dem Fenster der Belle Etage eines Jugendstilhauses im Belgischen Viertel – dort, wo in Köln das Geschäft mit der Kunst blüht – weht eine schwarze Fahne. Das weiß leuchtende Kürzel „KAOS" kündet weithin vom Widerstand gegen Klüngel und Kommerz. Drinnen zeigt Marianne Tralau, 54, Installationen und Objektkunst „aus allen möglichen Materialien des Alltags". 1985 eröffnete sie ihre Galerie „für Künstler, die nicht bekannt waren", kein Forum hatten, „aber gut sind" – und vor allem provokant. Ihr Entschluss entsprang einer persönlichen Krise: Die eigenen Arbeiten der Textilkünstlerin waren von etlichen Galeristen abgeschmettert worden. „Zu alt für den Einstieg in den Kunstmarkt" bekam sie zu hören. Ihre Mitgliedschaft im Bundesverband Bildender Künstler (BBK) wurde höhnisch mit dem Hinweis „Sozialhilfeverein" abgetan.

Zum Jubiläum ließ Marianne Tralau jene 44 Künstler, die seit 1985 in der Genter Straße zu sehen waren, das Thema „Himmel und Hölle" interpretieren. Der Österreicher Rolf Hinterecker etwa füllte die Altbauwohnung mit Waldboden, stellte Fußangeln in den Weg und beschallte die Räume abwechselnd mit Düsenjägerlärm und Vogelgezwitscher.

Malerei findet bei KAOS keine Aufnahme. „Die Maler schwimmen in Sicherheit. Hauptsache Öl auf Leinwand, das ist dann gleich große Kunst", urteilt die Galeristin. Statt der üblichen Kataloge dokumentieren Videos die Projekte der KAOS-Künstler, die sich und ihre Arbeit mit Hilfe des Filmemachers Peter Kleinert in Szene setzen können.

Carl Friedrich Schröer




 

 

 

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